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07.

Mär 2011

Cover The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian englisch

Junior hat es wahrlich nicht leicht. Er kam mit zu viel Gehirnflüssigkeit zur Welt, was ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Die nötige Operation, die er als Baby über sich ergehen lassen musste, hat er aber gut überstanden. Dennoch hat seine Krankheit langfristige Schäden hinterlassen (zumindest würde er manche dieser Dinge gerne seiner Hydrocephalus zuschreiben). Er muss die dickste und hässlichste Brille tragen, die er sich nur vorstellen kann und ist so dünn, dass er sich manchmal wundert, wie sein Körper seinen zu großen Kopf halten kann (allerdings helfen ihm seine noch viel größeren Füße wohl dabei). Er lispelt nicht nur, sondern stottert auch noch und manchmal bekommt er Anfälle. Für jemanden wie ihn ist es also nicht leicht ein 14jähriger Teenager zu sein. Zu allem Überfluss lebt er mit seiner Familie in einem Reservat der Spokane Indianer und wie beim Rest ihres Stammes, ist auch in Juniors Heim Arbeitslosigkeit und Alkoholismus an der Tagesordnung. Außerdem wird er ständig von seinen Mitschülern und anderen Stammesmitgliedern verprügelt, was dort ein beliebter Zeitvertreib zu sein scheint. Nur Juniors bester und einziger Freund Rowdy hält zu ihm wo er nur kann und hat ihn schon vor mehr als nur einer Schlägerei bewahrt. Alles in allem steht Junior eine nicht gerade rosige Zukunft bevor in einem Stamm, bei dem schon lange niemand mehr ein College von innen gesehen hat und in dem auf Grund von Alkohol viel zu viele Menschen ihr Leben verlieren.

Cover White Indian englisch

Doch mit Hilfe eines seiner Lehrer gelingt Junior der Absprung: Er beschließt auf die Reagan zu gehen, einer High School, die mehr als 20 Meilen von seinem Reservat entfernt ist und außerdem ausschließlich von gut betuchten, weißen Kindern besucht wird. Dass er auf der neuen Schule Probleme haben wird, damit hatte Junior von Anfang an gerechnet. Und leicht machen es ihm seine Mitschüler wahrlich nicht, zumal sie sich so völlig anders verhalten, als er es von den Indianern her kennt. Was er allerdings nicht erwartet hat ist, dass sein gesamter Stamm ihm den Rücken kehrt. Selbst Rowdy.
Und auch wenn er sich selbst nur noch wie ein Teilzeit-Indianer fühlt, so scheinen Junior und seiner Familie trotz aller Mühen das gleiche Schicksal wie allen anderen Indianern zu blühen.

In Sherman Alexies The absolutely true diary of a Part-Time Indian / Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers bekommt man das Leben der Indianer mal von einer ganz anderen Seite beschrieben. Nichts mit romantischen, naturverbundenen Szenen und reicher Tradition. Die Menschen in den Reservaten leben in frustrierender Perspektivlosigkeit vor sich hin und die meisten flüchten sich in den Alkohol. Deshalb ist auch die Gewaltbereitschaft in den meisten Familien recht hoch. Junior hat in diesem Fall zwar großes Glück denn seine Eltern würde niemals Hand an ihn und seine Schwester legen, sein Vater ist allerdings Alkoholiker und seine Mutter hatte ebenfalls ihre Probleme.

Cover Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeitindianers deutsch

Kein Wunder also, dass Junior diesen Teufelskreis durchbrechen will und den mutigen Schritt in eine neue Schule und hoffentlich auch neue Zukunft wagt. Sherman Alexie beschreibt diese Reise, die von vielen Schicksalsschlägen geprägt ist, auf unglaubliche witzige Weise. Dabei wirkt es aber nie geschmacklos, obwohl Juniors Lage eigentlich alles andere als zum Lachen ist. Und trotzdem schafft es der Autor, übrigens selbst ein Spokane-Indianer, ungewöhnlich feinfühlig mit diesen schwierigen Themen umzugehen.

Aber nicht nur der witzige wie sensible Schreibstil macht das Buch zu etwas Besonderem. Denn ganz vor allem sind die vielen gelungenen Zeichnungen und Comics, die sich durch das gesamte Buch ziehen, zu erwähnen. Mit einer gehörigen Portion schwarzen Humors und viel Kreativität fangen sie perfekt die Stimmung des Buches auf. The absolutely true diary of a Part-Time Indian / Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers ist ein ungewöhnliches Buch, das ich mit seiner traurigen aber auch witzigen Sicht auf Freundschaft, Trauer, Leben und Tod sofort ins Herz geschlossen habe. In den USA wurde es allerdings sehr unterschiedlich aufgenommen: Von der einen Seite mit Auszeichnungen überhäuft (z.B. dem National Book Award 2007), wurde es von der anderen, z.B. in Missouri und Oregon, aus den Schulbibliotheken und -leseplänen komplett verbannt, wogegen die American Library Association aber nach wie vor ankämpft.

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